Mara Harvey gilt als Gallionsfigur der Frauenförderung bei der UBS. Ein Interview über Quote, Karriere und Vermögen.

herMoney: Sie verantworten bei der UBS das Geschäft mit vermögenden Privatkunden in Deutschland, Österreich und Italien. Wie beschwerlich ist es, als Frau Karriere in der Finanzindustrie zu machen?  

Dr. Mara Harvey: Ich kam als promovierte Volkswirtin vor 18 Jahren zur UBS. Damals war es tatsächlich alles andere als selbstverständlich, sich als Frau in der männerdominierten Finanzbranche zu behaupten. Frauen mussten doppelt so gut sein wie die männlichen Kollegen, um sich für Führungspositionen zu empfehlen.

Welche Steine wurden Ihnen denn in den Weg gelegt?

Es gab beispielsweise oft zynische Kommentare. Saß ich bei wichtigen Verhandlungen als einzige Frau mit am Tisch, hieß es: Die ist dabei, weil sie die Sitzung organisiert hat. Da war also erst einmal dickes Fell und Durchhaltevermögen gefragt…

Hat sich das verändert?

Wir sind heute in einer anderen Position als vor 15 Jahren. Es ist selbstverständlicher geworden, dass Frauen Verantwortung tragen, sie sind in den Führungsgremien nicht mehr alleine. Schon dadurch verändert sich die Dynamik innerhalb einer Organisation.

Wie heißt es so schön: Der Fisch stinkt vom Kopf. Ist Gleichberechtigung ein Führungsthema?

Auf jeden Fall. Um Veränderungen durchzusetzen, braucht es ein Commitment von ganz oben. Diversity ist bei UBS seit Jahren ein Thema, das vom Vorstand vorangetrieben wird.

Gibt es bei der UBS eine Frauenquote?

Nein, eine Quote haben wir nicht. Wir haben aber das Ziel einen Drittel der Management-Positionen mit Frauen zu besetzen.

Halten Sie eine Quote denn für überflüssig?

Ich glaube, dass Quoten meistens notwendig sind, damit sich schnell etwas ändert. Ohne Druck tut sich in vielen Unternehmen nicht viel.

Vor allem Frauen sind oftmals gegen die Quote, sie fühlen sich dadurch offenbar herabgewürdigt. Können Sie das erklären?

…ich würde sagen, das war ein sehr erfolgreicher Schachzug der Männer. Sie haben es geschafft, ein gutes Instrument so zu besetzen, dass Frauen sich selbst davon distanzieren, sie also in letzter Konsequenz denken, sie seien nicht kompetent genug, mit am Tisch zu sitzen und die Fäden in der Hand zu halten. Dabei gibt es – anders betrachtet – ja auch eine Männerquote. Und klar ist, dass – ob mit oder ohne Quote – keine Frau am Tisch überlebt, wenn sie nicht qualifiziert und kompetent genug ist.

Manch ein Unternehmen beklagt, es sei schwierig, Frauen für Führungspositionen zu finden. Wollen Frauen keine Verantwortung tragen?

Das glaube ich nicht. Aber sie müssen die Hürde in der Mitte der Karriere überwinden. Viele Frauen möchten weniger arbeiten, wenn sie Kinder bekommen. Eine Managementkarriere in der Finanzindustrie ist in Teilzeit nahezu ausgeschlossen.

Sie haben zwei Kinder. Wie haben Sie diese „Hürde“ überwinden können?

Ich habe jeweils sechs Monate pausiert und dann wieder Vollzeit gearbeitet. Das war manchmal stressig, aber meine Arbeit hat mir immer auch viel Spaß gemacht.

Was braucht es, um Kind und Karriere unter einen Hut bringen zu können?

Eine der wesentlichen Voraussetzungen ist es, delegieren zu können – im Job und auch zuhause. Wenn es um die Kinder geht, fällt das vielen Frauen schwer.

Sie gelten als die Gallionsfigur bei der UBS in Sachen Frauenförderung. Womit haben Sie sich diesen „Titel“ verdient?

Als ich meine jetzige Position übernahm, habe ich zunächst Gespräche mit vielen Kundenberatern geführt und erfahren, dass die stets mit dem Vater, dem Bruder, dem Cousin oder Onkel verhandeln. Frauen kamen eher selten vor…

Mit welcher Begründung?

Auf Nachfrage bekam ich oft zu hören, Frauen seien nicht relevant, sie hätten das Vermögen ja nicht kreiert! Das ist für mich aber gar kein Argument. Zum einen, weil Geldthemen meistens eh zuhause besprochen werden, zum anderen, weil es oft auch um Nachfolgethemen geht. Frauen sollten deshalb gleich mit am Tisch sitzen.

Haben Sie das durchgesetzt?

Wir haben anschließend geforscht und auch selber viele vermögende Frauen befragt – mit erschreckenden Ergebnissen. Internationale Studien zeigen, dass vier von fünf Frauen der Meinung waren, dass der Berater ihre Bedürfnisse gar nicht versteht. Wir haben als Feedback bekommen: „Es sei einfacher, die Bank als den Berater zu wechseln!“ Das hat uns die Augen geöffnet. Wir haben dann den offenen Dialog gesucht und  anschließend eine Strategie rund um die gezieltere Herangehensweise an die Anlagebedürfnisse von Frauen gegründet und das Thema auch wissenschaftlich vertieft.

Sie zeigen plastisch auf, was es für Frauen heißt, wenn Sie weniger verdienen und ihre Karriere unterbrechen. In Ihren Berechnungen gehen Sie allerdings von sehr vermögenden Frauen aus. Lassen die Ergebnisse auch Rückschlüsse auf die Lebenswirklichkeit von weniger vermögenden Frauen zu?

Auf jeden Fall. Wir haben berechnet, dass eine Gehaltslücke von zehn Prozent bis zu einen 40 Prozent Vermögensunterschied am Lebensende führen kann. Das sollte jede Frau wachrütteln und dazu animieren, sich aktiv um ihr Geld zu kümmern!

Mara Harvey im Interview mit Hermoney

Dr. Mara Harvey ist promovierte Volkswirtin, spricht vier Sprachen und arbeitet seit 18 Jahren in unterschiedlichen Führungspositionen bei der UBS. Seit 2016 verantwortet sie das Geschäft mit sehr vermögenden Privatkunden in Deutschland, Österreich und Italien. Sie gründete u.a. eine globale Initiative, um Frauen für die Geldanlage zu sensibilisieren und deren Bedürfnisse bei der Beratung stärker in den Mittelpunkt zu stellen.

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