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 Wenn Sie trotz Erfolg unzufrieden sind, kann es sein, dass Sie bei der Berufswahl Ihren Fähigkeiten statt Ihren Neigungen gefolgt sind.

Wie Sie einen Job finden, der wirklich zu Ihnen passt, erklärt Job-Coach Anja Hoitz im Interview.

herMoney: Sie arbeiten als Organisationsentwicklerin in einem DAX-Konzern – und haben sich nebenberuflich als Coach selbständig gemacht. Sind Sie auf Optimierungstrip?

Anja Hoitz: Um Gottes Willen. Ich halte nichts von diesem Tschakka – die herrschende Optimierungskultur finde ich ganz schrecklich. Motto: Du musst schlafen, essen – und Dich in allen Lebenslagen optimieren. Immer mit „Du musst“. Das ist nicht meins.

herMoney: Was hat Sie denn angetrieben, neben Ihrem Job andere in Sachen Jobwechsel zu beraten und zu coachen?

Anja Hoitz: Konfliktmanagement ist Teil meines Jobs. Viele Konflikte sind von außen betrachtet einfach zu klären. Und dennoch gibt es Dinge, die sich nicht auflösen. Da kommt man schnell zu den inneren Konflikten: Welche Konflikte haben Menschen mit sich selbst? Mich interessiert, was Menschen antreibt und was sie bremst.



herMoney: Wären Sie dann als Psychologin nicht besser aufgestellt?

Anja Hoitz: Psychologie war mir damals zu sehr auf Krankheit ausgerichtet. Ich habe BWL, VWL und Sozialpsychologie studiert. Aber wenn ich heute noch mal 20 wäre, würde ich mich für ein Studium der Verhaltenspsychologie entscheiden.

herMoney: … und warum die Fokussierung auf den Job?

Anja Hoitz: Zufriedenheit am Arbeitsplatz ist elementar – da verbringen wir einen Großteil unserer (wachen) Lebenszeit. Und viele ziehen ganz viel Lebenszufriedenheit auch aus dem Job – oder eben nicht. Viele Klienten kommen zu mir, weil sie frustriert und ratlos sind. Sie sind irgendwann in ihren Job reingeschlittert und wissen gar nicht, was sie wollen. Aber sie merken, was sie nicht mehr möchten. Und dann fehlt es oft an einer Idee.

herMoney: Wie gehen Sie dann vor?

Anja Hoitz: Menschen orientieren sich oft an dem, was sie gut können – also an den Fähigkeiten. Das ist erst einmal naheliegend, aber in meinen Augen der falsche Start. Die erste Frage sollte immer sein, was mich wirklich interessiert. Um das rauszubekommen, drücke ich meinen Klienten auch einmal einen Stapel Karten in die Hand, auf denen Interessengebiete stehen. Die sollen sie dann sortieren – von „interessiert mich gar nicht“ bis „interessiert mich sehr“.

herMoney: Weiß man denn nicht in etwa, wofür man brennt?

Anja Hoitz: Leider nein. Viele sind beruflich so sehr im Trott,  dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Die Kartenstapel sind sehr oft wirkliche eye opener, besonders dann, wenn auf der Seite „interessiert mich nicht“ lauter Karten aus dem aktuellen Umfeld liegen. Ich hatte zum Beispiel mal eine Klientin, die bei einem Finanzdienstleister arbeitete. Als sie zu mir kam, sagte sie, der Job sei super und das Umfeld auch – nur mit ihrem Chef habe sie Probleme. Und dann lagen Karten wie „Finanzen“, „Management“, „Wirtschaft“, „IT“ oder „Börse“ allesamt auf dem Stapel „interessiert mich nicht“.

herMoney: Und was folgt daraus?

Anja Hoitz: Das ist dann schon ein Aha-Moment, wenn es klar und deutlich vor den Augen liegt: Eigentlich interessiert mich das nicht, womit ich mich den ganzen Tag beschäftige. Sie arbeitet also definitiv im falschen Umfeld.

herMoney: Wie gehen Klienten mit dieser Erkenntnis um?

Anja Hoitz: Ganz unterschiedlich. Oft wollen sie sich diese Fragen gar nicht erst stellen, weil sie die Antworten fürchten. Es ist ja für manche schmerzhaft, sich einzugestehen, dass der Job nicht oder nicht mehr zu ihnen passt. Und je erfolgreicher man darin ist und je sicherer die Position, desto unbequemer kann es werden. Wenn es dann aber so klar auf dem Tisch liegt, dann versteht man vielleicht erstmals, warum man trotz Erfolg unzufrieden ist. Das kann dann für enorme Erleichterung sorgen.

herMoney: Kommt es eher auf die Tätigkeit an oder auf die Branche?

Anja Hoitz: Beides ist wichtig. Das Thema, also die Branche, sollte mich interessieren. Aber natürlich auch die Tätigkeit, mit der ich meine Arbeitszeit verbringe. Organisiere ich gerne, arbeite ich im Vertrieb, im Marketing oder in der Produktentwicklung? Zudem müssen die Werte passen: Kann ich sie im Job leben oder muss ich gegen meine Werte handeln? Als nächstes gucken wir uns die Rolle an – will ich Führungskraft sein oder nicht? Bin ich Teamplayer oder Einzelkämpfer?

herMoney: Welche Rolle spielen meine Fähigkeiten?

Anja Hoitz: Was will ich – und was kann ich: Das sind für mich getrennte Dinge. Fähigkeiten kann ich mir aneignen, die Weiterbildungsmöglichkeiten sind gigantisch. Viel gefährlicher ist es, etwas sehr gut zu können, es aber nicht zu mögen. Ein Kollege nennt diese Fähigkeiten „Burn-out-Skills“.

herMoney: Viele Coaches bieten Stärken-Schwächen-Analysen an und sagen gleich dazu, für welchen Job ich mich mit diesen Ausprägungen eignen könnte. Alles Unsinn?

Anja Hoitz: Es gibt unzählige solcher Tests im Internet. Ich halte nicht viel davon. Für mich ist die entscheidende Frage, was jemand gern macht – und was er oder sie noch lernen will.

herMoney: Veränderung ist immer auch Risiko …

Anja Hoitz: Ängste und Bedenken sind deshalb oft erst einmal stark. Das ist normal. Ich rate meinen Klienten dann, die Widerstände aufzuschreiben und erst einmal zu parken. Wir gehen nicht darüber hinweg, aber wir behandeln sie später. Was ich so spannend finde: Wenn man den ersten Teil durch hat und die Leute nicht nur im Kopf wissen, sondern auch im Bauch spüren, was sie wollen, ist die Angst in der Regel weg. Das ist keine Zauberei, sondern das Gefühl, das sich einstellt, wenn ich überzeugt von etwas bin.

herMoney: Ticken Frauen und Männer da ähnlich?

Anja Hoitz: Drei Viertel meiner Klienten sind Frauen – wohl auch, weil sie sich schneller Unterstützung suchen und Männer häufig zu einem Mann ins Coaching gehen wollen. Aus meiner Erfahrung sind die Unterschiede beim Jobwechsel aber nicht so sehr geschlechtsspezifisch. Wichtiger ist es, ob jemand Familie hat oder nicht. Familie ist ein natürlicher Bremser, weil ich dann Verantwortung für andere trage. Der Klassiker ist es, dass das Haus noch abbezahlt werden muss oder die Kinder in der Ausbildung sind. Dann fällt es schwerer, ins Risiko zu gehen.

herMoney: Von einer Selbständigkeit zu träumen ist das eine. Das andere: Das Ganze umzusetzen, sich um Geschäftsidee, Finanzierung, Gewerbeanmeldung, Vermarktung und Krankenversicherung zu kümmern …

Anja Hoitz: Viele kommen tatsächlich mit der Idee, sich selbständig machen zu wollen – aber nicht zu wissen, womit. Selbständigkeit als Flucht aus dem Angestelltendasein ist aber keine gute Idee. Meistens geht es darum, dass es im aktuellen Job zu enge Vorgaben und zu wenig Autonomie oder Anerkennung gibt. Sobald klar ist, dass es in manchen Firmen oder Branchen anders läuft, die Wünsche also auch in einem Angestelltenverhältnis erfüllt werden können, wollen die meisten angestellt bleiben.

herMoney: Was war Ihr größtes Problem, als Sie sich im Nebenjob selbständig gemacht haben?

Anja Hoitz: Gefühlt waren es die Formalien, alles rund um rechtliche Themen, die AGBs, das Impressum, Steuern, Versicherungen und so weiter. Was muss zum Beispiel auf einer Rechnung stehen? Und dann natürlich das ganze Themenfeld Datenschutz – da muss man sich sehr genau informieren, um nicht gegen herrschende Bestimmungen zu verstoßen.

herMoney: Eignet sich denn jeder für die Selbständigkeit?

Anja Hoitz: Ich glaube nicht. Frauenzeitschriften schreiben permanent über Frauen, die mit Mitte 40 alles hinschmeißen und sich selbständig machen – mit einem Büchercafé oder einer Yogaschule. So langsam nervt es, solche Beispiele wieder und wieder zu lesen.

herMoney: Warum das?

Anja Hoitz: Sorry, aber ich kenne kein einziges Beispiel, wo das wirtschaftlich erfolgreich war. Entweder haben die im Lotto gewonnen, geerbt oder aber einen finanziell potenten Partner im Hintergrund. Da werden ganz falsche Erwartungen geweckt.

herMoney: Also keine Empfehlung für die Selbstverwirklichung?

Anja Hoitz: Es muss ja nicht immer schwarz oder weiß sein, es gibt ja auch Kombilösungen. Ich arbeite in Festanstellung vier Tage die Woche – und als Coach nebenberuflich selbständig. Das lässt sich wunderbar vereinbaren.

herMoney: Wie kommt das beim Arbeitgeber an, wenn hoch qualifizierte Kräfte die Arbeitszeit reduzieren möchten, um sich nebenberuflich selbständig zu machen?

Anja Hoitz: Klar wird manch ein Arbeitgeber erst einmal schlucken. Aber ganz ehrlich: Wer gut in seinem Job ist, hat eine sehr gute Verhandlungsposition. Vor allem wenn man „vollzeitnah“ bleibt. Wenn man innerlich klar ist, seine Ziele formuliert und flexibel bleibt, dann klappt ganz viel.

herMoney: Sie selbst sind in einem Konzern angestellt. Rechnet es sich für Sie, nebenberuflich selbständig zu arbeiten?

Anja Hoitz: Finanziell würde ich mich mit einem Vollzeitjob im Konzern besser stellen – ich verzichte also bewusst auf Einkommen, weil ich mich für mehr Balance und auch Vielfalt im Leben entschieden habe. Ich beobachte auch bei meinen Klienten, dass der Sinn mit zunehmendem Alter eine wichtigere Rolle spielt. In jungen Jahren geht es zunächst um Karriere und Geld.

herMoney: Apropos Geld: Welche Rolle spielt Geld beim Jobwechsel?

Anja Hoitz: Geld spielt immer eine wichtige Rolle. Aber man sollte schon genau hinterfragen, welche Werte dahinter stecken. Ist es ein Synonym für Anerkennung? Eine Kompensation für Sinnlosigkeit? Oder steht Geld für Unabhängigkeit? Da frage ich immer sehr genau nach.

herMoney: Und wie ist es bei Ihnen?

Anja Hoitz: Ich habe vor meinem Studium eine Banklehre gemacht und das hat mich furchtbar gelangweilt. Finanzen interessieren mich einfach nicht, aber natürlich kümmere ich mich um mein Geld, weil ich pflichtbewusst bin. Ich weiß, dass ich vorsorgen muss, damit ich meiner Tochter eine gute Ausbildung ermöglichen kann und später mit der Rente auskomme.

herMoney: Welchen Rat können Sie unseren Leserinnen geben?

Anja Hoitz: Erinnern Sie sich an Ihre Träume: Was wollten Sie als Kind werden? Welcher Antrieb oder Wert war für den Berufswunsch wesentlich? Träumen Sie aufs Neue und öffnen Sie sich für neue Möglichkeiten! Und dann rate ich dazu, in der Findungsphase nicht mit den „Bedenkenträgern“ im persönlichen Umfeld zu sprechen. Suchen Sie aktiv nach Unterstützern, nach Menschen, die Ihnen Zuversicht und Energie geben.

Anja Hoitz hat VWL, BWL und Sozialpsychologie in Marburg und Trier studiert. Sie hat mehr als 20 Jahre internationale Erfahrung in der Personal- und Organisationsentwicklung in kleinen und großen Unternehmen. Außerdem ist sie Gründerin von ‘Sesselwechsel‘ und unterstützt als Coach bei der beruflichen Neuorientierung.

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