Erfolg, Scheitern, Schulden: Die Feminess-Chefin Marina Friess hat alles erlebt. Über ihre Erfahrungen berichtet sie im Interview.

herMoney: Frau Friess, Sie sind gerade einmal 33 Jahre alt. Was können andere von Ihnen lernen?

Marina Friess: Ich habe in meiner Karriere quasi alle Höhen und Tiefen erlebt – also viele Niederlagen einstecken müssen. Natürlich habe ich die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen, aber ich habe sehr viele Erfahrungen machen dürfen oder müssen, die ich an andere weitergeben kann. Man muss ja auf seinem Weg nicht selbst in jede Falle tappen – manch ein Fehler ist mit guter Vorbereitung vermeidbar.  

Sie haben Ihr Scheitern als Chance deklariert. Meinen Sie das ernst?

Definitiv. Ich wäre heute nicht da, wo ich bin, wenn ich gewisse Erfahrungen nicht gemacht hätte. Aus Schaden wird man klug, wenn man bereit ist, aus Fehlern zu lernen!

Wie schmerzhaft war es denn, sich Ihre Fehler einzugestehen und sie dann auch noch zu sezieren?

Es gibt Angenehmeres im Leben, das ist klar. Aber Fehler gehören nun einmal dazu. In jeder Selbständigkeit gibt es schwierige Phasen, immer wieder. Und je unvorbereiteter es einen trifft, desto schlimmer. Augen zu und durch ist also keine gute Strategie. Nur wer sich Fehler eingesteht, kann aus ihnen lernen.

Sie haben sich mit 20 selbständig gemacht. Was hat Sie angetrieben?

Ich hab Kosmetikerin gelernt – und in dem Bereich gab es fast ausschließlich 450-Euro-Jobs. Dazu kam, dass ich ein Freigeist bin und immer wieder angeeckt bin. Deshalb habe ich gekündigt und in einem Call-Center angefangen. Dort sagte man mir, ich habe Talent – und solle mich selbständig machen.

Haben Ihre Eltern Sie dabei unterstützt?

Meine Mutter hat natürlich früher immer versucht, mich zu bändigen – aber das ist wohl nur leidlich gelungen (lacht). Bevor ich mich selbständig gemacht habe, bin ich also bei ihr angekrochen. Motto: Wenn etwas daneben geht, müsse ich noch etwas länger zuhause wohnen bleiben, sie mich also noch länger ertragen. Sie hat mich dann aber voll unterstützt.

Worin genau bestand denn Ihre Selbständigkeit und welche Fähigkeiten brachten Sie mit?

Ich habe Weiterbildungsseminare vertrieben. Spezielle Fähigkeiten? Die hatte ich damals nicht. Als junger Mensch denkt man viel weniger darüber nach, ob man gut genug ist und was sonst noch alles passieren könnte. Je älter und je erfolgreicher man dann ist, desto mehr wird man sich der Verantwortung bewusst. Man muss dann Miete zahlen, hat vielleicht Kinder. Viele lassen dann aber auch eine Dauerschallplatte abspielen, auf der es ausschließlich um Risiken geht. Das hemmt ungemein. Ich habe mir damals gar keine Gedanken gemacht, ich hatte ja auch gar nichts zu verlieren.

Nach anfänglichem Erfolg blieben die Aufträge irgendwann aus und Sie haben viele Schulden angehäuft. Welche Fehler haben Sie denn gemacht?

Ein großer Fehler war es, dass ich mir nie Gedanken über meine unternehmerischen Ziele gemacht habe. Den Business-Plan hat ein Bekannter geschrieben, ich habe ihn damals nicht mal gelesen. Das würde ich heute niemandem mehr empfehlen. Im Business-Plan müssen wesentliche Informationen zusammengefasst sein – über Ausrichtung, Zielgruppe und Positionierung. Das ist eine Kernvoraussetzung, um zu einem guten Ergebnis zu kommen.

…aber Ihr Geschäft lief doch auch ohne Business-Plan..

Klar, aber dann hat mein Auftraggeber, ein Anbieter von Weiterbildungen, sich vom deutschen Markt zurückgezogen – und ich stand mit leeren Händen da. Ich hatte also im Grunde kein eigenes Business aufgebaut, sondern mich voll und ganz auf einen Auftraggeber verlassen! Der 2. Kardinalfehler bestand darin, dass ich gar keine Beziehung zu Geld hatte. Geld war bei uns zuhause immer Mangelware. In der Selbständigkeit habe ich anfangs sehr schnell sehr viel Geld verdient und dachte, das ginge nun immer so weiter. Statt Rücklagen zu bilden, gab ich das Geld mit vollen Händen aus – ein schickes Auto, eine Fünf-Zimmer-Wohnung in Düsseldorf und dann noch allerlei Pläsierchen. Und dann war es plötzlich aus! Als dann auch noch das Finanzamt ankam, war das Drama perfekt. Ich hatte Schulden und keinerlei Einnahmen mehr.

Kopf in den Sand stecken war keine Option?

Auf keinen Fall, ich kann es nachvollziehen, wenn das jemand macht, dem das Wasser bis zum Halse steht. Aber so war und bin ich nicht gestrickt. Ich habe mit dem Finanzamt und anderen Gläubigern verhandelt, meine Wohnung aufgegeben, Versicherungen gekündigt oder stillgelegt und bei Freunden auf einer Luftmatratze geschlafen. Zurück in meinen Job als Kosmetikerin kam für mich nicht in Frage, damit hätte ich meine Schulden wohl auch nie zurückzahlen können.

Wie sind Sie denn wieder in die Erfolgspur gekommen?

Ich habe den Seminar-Vertrieb für einen Verkaufstrainer übernommen und meine Schulden peu à peu abbezahlt. Das war ne spannende, aber auch extrem harte Zeit – ich hatte über Jahre keinen einzigen freien Tag. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich etwas anderes brauche, etwas eigenes. Also habe ich mich mit meinem jetzigen Business „Feminess“, einem Weiterbildungs-Netzwerk für Frauen, selbständig gemacht.

Haben Sie denn nie an sich gezweifelt?

Klar habe ich das – und ich habe viel Geld in Seminare, Coachings und Ausbildungen investiert. Am Ende nutzt es ja nichts, sich nur die Fehler anzusehen. Ohne Unterstützung hätte ich das wohl nie geschafft. Ich kann nur jeder Frau raten: Ist das Geld auch noch so knapp, spare niemals an Investitionen in die eigenen Fähigkeiten. Das klingt vielleicht nach nem Modewort: Aber ich halte Persönlichkeitsentwicklung für essentiell – eine starke Persönlichkeit ist Grundlage für Erfolg – übrigens in jedem Job.

Sie sind heute Coach und Trainerin und haben sehr viele sehr unterschiedliche Ausbildungen in diesem Bereich gemacht. Wieso haben Sie sich auf Frauen fokussiert?

Ich hab 2011 ein Seminar von Tony Robbins, einem der Top-Trainer und Coaches weltweit, in Rimini besucht und viele Bekannte von früher getroffen. Vor allem Frauen kamen immer wieder auf mich zu mit den Worten: Du hast Dich ja wahnsinnig weiterentwickelt – wie hast Du das gemacht? Mein Eindruck: Viele Frauen haben eine Idee, wissen aber nicht, wo sie anfangen und aufhören sollen – es fehlt eine klare Strategie. Ich habe dann meine eigenen Learnings aufgeschrieben und ein Konzept entwickelt.

Welchen Rat können Sie Frauen geben?

Ersparen Sie sich die Dauerschallplatte mit den negativen Botschaften! Wer an sich arbeitet, kann mit etwas Geduld fast alles erreichen. Geduld ist übrigens unerlässlich,  wir wollen oft zu schnell zu viel. Gehen Sie Ihren Weg in Ihrer Geschwindigkeit – wenn Sie ehr ängstlich und  und zurückhaltend veranlagt sind, werden Sie eventuell etwas länger brauchen. Das macht aber gar nichts. Hören Sie auf, sich mit anderen zu vergleichen!

 

Marina Friess

Marina Friess, Unternehmerin und Business Mentorin, ist die Gründerin von Feminess, einem Networking- und Weiterbildungs-Portal für Frauen. Neben Business- und Persönlichkeits-Coachings veranstaltet die 33-jährige zweimal im Jahr den Feminess Kongress mit Vorträgen und Workshops für Frauen.

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