Unsere Kolumne handelt von Geldgeschichten, die wir Frauen erleben. Anke macht sich Gedanken über Enthaltsamkeit und Freiheit.

„Mit Mitte 40 in den Ruhestand“ lautete eine Überschrift eines Zeitschriftenbeitrags. Ich finde die Idee, nicht bis 67 oder vielleicht noch länger arbeiten zu müssen, interessant, daher las ich gleich weiter. „Frugalisten sparen mit eisernen Methoden“, lautete der zweite Teil der Überschrift, das klang irgendwie weniger prickelnd. Aber die Idee, dass ich es selbst in der Hand habe, den Zeitpunkt meines Ruhestands zu bestimmen, klingt verlockend – und zwar völlig unabhängig davon, was unsere Regierung in den kommenden Jahren an Gesetzesänderungen verabschieden wird oder wie es mit der Bevölkerungsentwicklung weitergeht. Beides kann ich schließlich kaum beeinflussen.

Frugalisten sparen einen Großteil ihres Einkommens – gerne 60 bis 70 Prozent -, um finanziell so unabhängig zu werden, dass sie sich einen frühzeitigen Austritt aus dem Erwerbsleben leisten können. „Was, dann kann ich ja nur 30 bis 40 Prozent meines Einkommens ausgeben! Das geht nicht!“ war meine erste Reaktion. Welche Frau überfallen schon Lustgefühle, wenn es um die Themen Sparen und Einschränken geht? Auf der anderen Seite geht mir das Herz auf bei Themen wie Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit.

Bittere Erkenntnis: Frugalisten müssen das Kombi-Paket „Sparen und Unabhängigkeit“ nehmen.

Verabschieden vom Konsum-Wahn

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass in den Medien üblicherweise gerade in uns Frauen die Lust auf Konsum geweckt werden soll: Die noch tollere (aber sicher nicht billige) Lady-Shave-Klinge. Das erholsame Wellness-Wochenende in den Bergen, die hübsche Edel-Handtasche oder das besonders schnucklige Auto. Ganz zu schweigen von der tollen Mode, den pfiffigen Kosmetik-Artikeln, oder nicht doch lieber ein operativer Schönheits-Eingriff? „Dies ist der letzte Schrei an Handys, und jenes der geheime Hydeaway-Tipp“ wird in uns die Konsum-Lust angefacht und werden uns die Euro-Scheine reihenweise aus der Tasche gelockt. Der Konsum-Drang geht so weit, dass fast jeder Zehnte Erwachsene in Deutschland überschuldet ist!

Frugalisten kommen ohne die vielen Must-Haves der Konsumgesellschaft aus, scheinen aber trotzdem ein schönes Leben zu haben. „Als Student bin ich immer mit ein paar hundert Euro im Monat über die Runden gekommen und hatte eine super Zeit. Warum sollte ich jetzt, wo ich arbeiten gehe und Geld verdiene, plötzlich so viel mehr ausgeben?“ fragt sich der 29-jährige Frugalist Oliver in seinem Blog https://frugalisten.de. Nun ja, das Wort „Frugal“ stammt von dem lateinischen Wort „frugalis“, wo es mit bieder, ordentlich und wirtschaftlich übersetzt wird.

Das Thema hatte mich schon berührt, als ich einen Fernsehbericht über Mikro-Wohnen gesehen habe. Dort wurde über Menschen berichtet, die in Großstädten auf kleinstem Raum sehr effizient, aber auch minimalistisch eingerichtet sind. Das so für die Wohnung eingesparte Geld wandelten die befragten Micro-Wohner in Freizeit um, weil sie weniger arbeiten müssen. Ihre Augen funkelten, als sie über all die schönen Aktivitäten sprachen, die sie in ihrer Freizeit machten. Als sie berichteten, wie toll es sich anfühlt, Muße und weniger Belastung durch Dinge zu haben, wurde ich fast ein bisschen neidisch. Ich dachte an die Umstände, die es mir bereitet, wenn ich im Frühjahr meine Wintermode aussortiere und in das Kabuff bringe, und meine Sommermode aus selbigem heraushole. Minimalistinnen müssen nur zwei oder drei Pullis gegen zwei oder drei Blüschen austauschen, die Winter-Boots verstauen und die Riemchen-Sandelen vorziehen, und zack – sind sie fertig! Vielleicht ist weniger gar nicht weniger?

Erst viel Sparen, dann finanziell frei sein

Frugalisten machen es ein wenig anders als die in dem Fernsehbericht beschriebenen Micro-Wohner, die sowohl ihre (Wohn-)Ausgaben als auch ihre Arbeitszeit reduziert hatten. Frugalisten suchen sich einen oder mehrere möglichst gut bezahlte Jobs, um viel Geld zu verdienen. Und jeder der verdienten Euros, der nicht zwingend benötigt wird, wandert auf die hohe Kante. „Sparquote? Alles unter fünfzig Prozent ist Pippifax!“, schreibt Oliver in seinem Frugalisten-Blog. Die Ersparnisse wandern in ETFs und andere Fonds und wachsen durch den Zinseszins-Effekt über die Zeit zu einem komfortablen Finanzpolster an. Damit erarbeiten sich Frugalisten die Freiheit, später auf einen Halbtagsjob zu wechseln, eine längere Auszeit zu nehmen oder einfach weiterzuarbeiten und dann mit 40 oder 50 in Rente gehen zu können

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