Fein, wenn Ihre Kinder in der Nähe wohnen und Sie im Alter unterstützen können. Und wenn nicht? Können Senioren-Assistenten helfen!

herMoney: Älter werden ist nichts für Feiglinge, heißt es. Wie ist Ihre Erfahrung?

Ingrid Eggers: Persönlich kann ich mich nicht beklagen, mir geht es gut (lacht)! Das Alter bringt ja auch Vorteile – ich bin heute beispielsweise sehr viel gelassener als früher. Kritisch kann es aber werden, wenn man sich ohne die Unterstützung anderer nicht mehr frei bewegen kann, also die Eigenständigkeit verliert. Das ist dann oft wirklich nichts für Feiglinge.

 Was ist denn dann zu befürchten?

Der Verlust der Unabhängigkeit ist schmerzhaft, vor allem, wenn man immer mit beiden Beinen im Leben gestanden hat. Plötzlich muss man bei vielen Kleinigkeiten um Hilfe bitten – wer will das schon? Den Angehörigen fällt es zudem oft schwer, damit umzugehen, wenn sich der Zustand eines geliebten Menschen verschlechtert. “Früher hattest Du immer so viel Schwung, lass Dich doch nicht so gehen” – heißt es dann.

Die Familie verschließt zunächst die Augen. Wie können Sie da helfen?

Mir ist es wichtig, meine Kunden ernst zu nehmen und ihnen mit Respekt zu begegnen. Wer nach einem Schlafanfall im Rollstuhl sitzt und sich schlecht fühlt, möchte kein betretenes Mitleid à la “wie geht es uns heute?” Das ist schlimm, der Betroffene fühlt sich schlecht – und dann kann man das auch mal so benennen.

Brauchen die Betroffenen nicht jemanden, der ihnen Mut macht?

Klar, aber man sollte immer auch mit offenen Karten spielen. Die Situation ist, wie sie ist – da hilft es doch nichts, alles rosa anzumalen. Nach meiner Erfahrung hilft es den Betroffenen ungemein, sie dort abzuholen, wo sie stehen, ihnen also die Situation und die Möglichkeiten zu erläutern. Dann kann man entscheiden, welche Schritte nun eventuell für alle Beteiligten die besten sind.

Was heißt das genau?

Pflegebedürftige Menschen können sowohl zu Hause als auch im Pflegeheim versorgt werden. Ob das eine oder das andere die bessere Lösung ist, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Mein Job ist es also zu schauen, was gewünscht wird und wie wir das möglich machen können.

Sie helfen also bei der Organisation der Pflege?

Unter anderem – aber als Seniorenassistenz habe ich sehr unterschiedliche Aufgaben. Ich teile nicht nur die unbeschwerten Momente mit älteren Menschen, sondern unterstütze auch effektiv, wenn die täglichen kleinen Aufgaben zur großen Belastung werden, wenn die Einsamkeit immer schwerer wird, wenn Gesundheits-, Organisations- und auch Rechtsfragen mit jedem Tag stärker in den Fokus rücken.

Vom Kaffeetrinken und Kuchenessen bis zum gemeinsamen Arztbesuch?

…und mit einigen Jobs dazwischen. Ich erhalte zum Beispiel Vollmachten, vermittle Haushaltshilfen, helfe bei Anträgen, organisiere Umbauten, Nachtwachen oder häusliche Sterbebegleitung – und vieles mehr. Manchmal wollen Kunden auch einfach nur mit jemandem reden oder suchen eine Begleitung, um weiter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Ich begleite sie ins Theater, zu Konzerten, ins Restaurant oder auch mal in den Urlaub.

Nach meiner Erfahrung tun sich ältere Menschen zunächst oft schwer damit, Hilfe anzunehmen. Motto: Hier kommt mir niemand ins Haus! Wie gehen Sie dann vor?

Oft sind es tatsächlich erst einmal die Kinder, die bei einem Besuch zuhause merken, dass Mutti oder Vati stark abgebaut haben und eigentlich gar nicht mehr alleine können. Die rufen dann bei mir an und wir vereinbaren ein Kennenlern-Gespräch.

In der Regel öffnen sich der Betroffene dann. Die wichtigste Voraussetzung für eine Senioren-Assistentin ist wohl ein gutes Gespür für Personen und Situationen. Zuverlässigkeit und Konfliktfähigkeit gehören selbstverständlich auch dazu.

Reagieren Männer und Frauen unterschiedlich?

Frauen versuchen ganz lange, ohne Unterstützung auszukommen – sie wollen sich nicht anmerken lassen, dass es nicht mehr alleine geht. Männer dagegen finden es fast immer schön, wenn sie von einer Frau betüddelt werden (lacht).

Machen Angehörige Ihnen manchmal Ärger, wenn Sie etwa die Finanzen regeln oder Vollmachten übertragen bekommen haben?

Nein. Wenn die Kinder in einer anderen Stadt wohnen und familiär und beruflich eingebunden sind, können sie diese Aufgaben meistens gar nicht übernehmen. Deshalb sind sie sehr froh, dass da jemand vor Ort ist und die Eltern gut versorgt sind. Zudem haben sie immer eine objektive zweite Meinung, dass ist auch sehr wichtig wenn die Senioren eventuell in einer Einrichtung z.B. Betreutes Wohnen untergebracht sind.

Ihre Arbeit ist nicht ganz preisgünstig, Sie berechnen 45 Euro pro Stunde. Wer zahlt das?

Wer einen Pflegegrad hat, kann das Pflegegeld dazu benutzen – je nach Pflegegrad erhalten Betroffene monatlich zwischen 316 und 901 Euro ausbezahlt. Dann gibt es noch monatlich Betreuungs-Entlastungsleistungen in Höhe von 125 Euro, die ich als anerkannte Senioren-Assistentin mit der Pflegekasse abrechnen kann.

Mit 125 Euro kommt man ja aber nicht weit…

Es gibt unterschiedliche Kundentypen, die einen möchten viel Betreuung, das gemeinsame Frühstück, den Austausch, Biografiearbeit, Theater- und Restaurantbesuche – die zahlen die Assistenz oft auch aus der eigenen Tasche. Andererseits kann man auch mit ein paar Stunden im Monat einiges auf den Weg bringen – sei es, jemanden zum Arzt zu begleiten oder Papierkram zu erledigen. Für ältere Menschen ist es zudem sehr viel Wert, jemanden vor Ort zu wissen, den sie jederzeit anrufen können.

Sind pflegebedürftige Menschen nicht im Heim oft besser aufgehoben als zuhause?

Nein. Die Versorgung zu Hause hat grundlegende Vorteile. Viele Alltagstätigkeiten können beispielsweise erhalten bleiben – eine wichtige Voraussetzung, um körperlich, geistig und sozial aktiv und integriert zu bleiben. Die Gefahr von Infektionserkrankungen ist zudem zu Hause eindeutig geringer als in medizinischen oder pflegerischen Einrichtungen. Auch finanzielle Erwägungen sprechen für eine ambulante Versorgung, denn sie ist den meisten Fällen deutlich kostengünstiger. Mich wundert es jedenfalls nicht, dass die Versorgung in den eigenen vier Wänden auf der Wunschliste der Betroffenen ganz oben steht. Dank verbesserter ambulanter Versorgungsstrukturen und innovativer Technologien ist es auch einfacher geworden, die Pflege zuhause zu organisieren.

Bieten Sie auch Kurzfrist-Begleitungen an?

Gewiss – oft sind die Angehörigen verunsichert, wenn sie bemerken, dass die Eltern oder Großeltern nicht mehr alleine klar kommen, wissen dann gar nicht wo sie anfangen sollen. Ich organisiere oftmals also nur den Übergang in eine neue Lebensphase: Die Einstufung eines Pflegegrads, das Bad oder der Eingangsbereich muss eventuell barrierefrei umgebaut werden, vielleicht wird auch noch eine Haushaltshilfe gesucht. Wenn das erledigt ist, sind die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Senior oder die Seniorin lange und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben kann.

 

Ingrid Eggers, gelernte Bürokauffrau, hat sich nach privaten Pflege-Erfahrungen 2010 zur Senioren-Assistentin weitergebildet und selbständig gemacht. Die Mutter zweier erwachsener Kinder lebt und arbeitet in Bremen.

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