Überstunden spenden? Geht nicht, sagen Juristen. Geht doch, sagt Personalchefin Pia Meier – und setzte es durch. Ein Interview

herMoney: Frau Meier, Sie haben es als Personalchefin der Seidel GmbH & Co KG mit einer ungewöhnlichen Hilfsaktion in alle Medien gebracht. Überrascht Sie der Rummel?

Pia Meier: Ja, ich hätte nicht gedacht, dass das, was für mich selbstverständlich ist, so viele Menschen interessiert…

Selbstverständlich ist anders. Ihre Mitarbeiter haben 3.300 Überstunden für einen Kollegen gespendet, damit er seinen krebskranken Sohn betreuen kann. Wie kam es zu der Aktion?

Eine Kollegin aus der Produktion hatte mich angesprochen – ob ich wüsste, dass das Kind des Kollegen schwer erkrankt sei. Ich wusste das nicht und rief ihn an. Da hatte er seinen Jahresurlaub bereits aufgebraucht und bot mir direkt die Kündigung an, um seinen Sohn weiter betreuen zu können – sein Sohn gehe vor. Für mich war das keine Option, eine Kündigung kam gar nicht in Frage. Also habe ich mich mit meinem Chef und dem Betriebsrat zusammengesetzt und wir haben eine Lösung entwickelt.

Und wie sah die konkret aus?

Zunächst hat die Firma die Familie finanziell unterstützt. Und dann haben wir jeden der 700 Mitarbeiter angeschrieben, den Hintergrund erklärt und gefragt, wer bereit ist, Überstunden zu spenden. Binnen zwei Wochen waren 3300 Stunden zusammen.

Haben sich alle Mitarbeiter beteiligt?

Ja, inklusive Führungskräfte, die jeweils 100 Arbeitsstunden abgegeben haben. Das hat viele Mitarbeiter, mich eingeschlossen, sehr berührt und die Belegschaft extrem zusammengeschweißt. Unter dem Strich kamen so viele Stunden zusammen, dass sich der betroffene Mitarbeiter gut 1,5 Jahre um seinen kranken Sohn kümmern konnte – bei vollem Gehalt inklusive Weihnachtsgeld und ohne Angst vor einem Arbeitsplatzverlust.

Trägt Ihr Chef Ihr soziales Engagement mit?

(lacht) Dr. Andreas Ritzenhoff, der geschäftsführende Inhaber von Seidel, ist kein BWLer, sondern eigentlich Arzt. Er hat das Unternehmen von seinem Vater geerbt und es war immer sein Wunsch, das Unternehmen so zu führen. Wir leben also die gleichen Werte und ziehen – auch mit dem Betriebsrat – an einem Strang.

Ihr Chef hat Medizin studiert, Sie haben zunächst eine Ausbildung zur Arzthelferin und später zur Fremdsprachenkorrespondentin gemacht. Ein untypisches Führungsduo…

Wäre ich Juristin, hätte ich so eine Lösung wahrscheinlich gar nicht in Betracht gezogen. Juristen denken anders, für sie stehen juristische Fragestellungen im Vordergrund. Und als Juristin hätte ich wohl auch zuerst an steuerliche Implikationen gedacht. Sogar Juraprofessoren haben mich angeschrieben und gefragt: Wie haben Sie das gemacht? Laut Gesetz sei das doch gar nicht erlaubt, Überstunden an andere zu übertragen.

Beitrag teilen:
1 2 3

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?