Frauke Ion über Möglichkeiten und Grenzen der Persönlichkeitsentwicklung.

herMoney: Frau Ion, Sie sind als Coach bekennende Raucherin. Sie arbeiten selten mit jungen Leuten und am liebsten mit Männern zusammen. Was ist da schief gelaufen?

Frauke Ion: Gar nichts! Ich bin 1.80 Meter groß, habe eine markante Stimme und eine Schnodderschnauze – ich bin also eher der Kumpeltyp als das blonde Frauchen. Meine Kunden sind zu 95 Prozent Männer. Darauf schießt man sich ein…

Was unterscheidet denn Frauen und Männer in der Arbeit?

Männer kommunizieren direkter und sind weniger empfindlich – da kann ich den Finger tiefer in die Wunde legen und unaufgefordert ein klares Feedback geben. Sie sehen das sportlicher. Frauen nehmen vieles persönlich und sind schneller verletzt. Sie wollen häufig nicht offen konkurrieren, vergleichen sich aber untereinander im Verborgenen. Ich gebe zu: Die sehr direkte Kommunikation liegt mir mehr. Mich buchen aber natürlich auch Frauen – und die wissen und schätzen es, dass sie von mir nicht mit Samthandschuhen angefasst werden.

…und was haben Sie gegen junge Leute?

(lacht) …auch nichts! Aber sie sind anders sozialisiert als ich. Oder anders ausgedrückt: Menschen zwischen 35 und 60 verstehe ich blind, sie sprechen meine Sprache, sind im ähnlichen kulturellen Kontext groß geworden. Wir mussten leisten und fleißig sein, um Karriere zu machen…

…leisten junge Leute denn nichts?

Natürlich leisten sie etwas, aber für viele meiner Generation ist Leistung ein besonders wichtiger Wert. Junge Leute heute haben oft andere Ziele und Werte. Da dreht sich zum Beispiel vieles um das Thema Selbstverwirklichung. Das hat für mich als leistungsorientierter Typ nicht oberste Priorität…

Passt Rauchen zu einem leistungsorientierten Coach, der ja ganz grob gesprochen – das Selbstmanagement predigt?

Rauchen ist ungesund und überflüssig, da gibt es nichts zu diskutieren! Ich tue es trotzdem gerne. Mit dem Begriff Selbstmanagement kann ich übrigens nicht wirklich viel anfangen – dahinter wird alles Mögliche versteckt. Selbstmanagement hat etwas mit Selbstdisziplin zu tun, mit Organisation und Struktur. Und natürlich auch mit Zielen und Visionen. Wenn ich kein Ziel habe, wird es schwer mit dem Selbstmanagement. Und wenn ich ein Ziel habe, muss ich etwas dafür tun, um es zu erreichen. Ich würde deshalb lieber von Selbstreflexion sprechen. Hat jemand den Fokus auf ein Ziel? Wie motiviert sich jemand, um Ziele zu erreichen?

Persönlichkeitsentwicklung ist en vogue. Muss man sich ewig selbst optimieren? Oder wäre nicht etwas mehr Zufriedenheit wünschenswert?

Am Ende geht es doch darum, sich selbst besser zu reflektieren und Erkenntnisse zu gewinnen, die einem das Leben erleichtern. Wir arbeiten viel mit Persönlichkeitsanalysen, die den Kunden vor Augen führen, was sie vielleicht schon über sich wissen, aber so direkt noch nicht gezeigt bekommen haben. Ziel ist also, die Zufriedenheit zu erhöhen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich arbeite viel mit Insight Discovery®, das ist eine Persönlichkeitsanalyse, die Aussagen über sogenannte Verhaltenspräferenzen macht. Was meiner Verhaltenspräferenz entspricht, mache ich einfach öfter, spontaner und lieber. Das hat übrigens gar nichts mit Kompetenzen zu tun. Wenn ich beispielsweise ein extravertierter Typ bin und eher sende als empfange, dann vergesse ich manchmal, einfach zuzuhören – und verpasse entsprechend viel oder gerate sogar mit anderen Menschen in Konflikt. Aber sobald mir das bewusst ist, kann ich gegensteuern und einfach mal die Klappe halten.

Klingt so, als könne man jederzeit selbst entscheiden, wer man ist. Wo sind denn die Grenzen der Persönlichkeitsentwicklung?

Verhalten kann man beispielsweise verändern. Es gibt aber Persönlichkeitsmerkmale, die nicht veränderbar sind, zum Beispiel die sogenannten Lebensmotive. Jeder Mensch trägt sie in unterschiedlicher Ausprägung in sich. Sie spiegeln wider, was uns Menschen antreibt, wonach wir streben. Und diese Antreiber bleiben ein Leben lang bestehen. Wir können also nur lernen, mit ihnen zu leben und unsere Lebensumstände bestmöglich an unsere Lebensmotive anzupassen.

Wie kann man erkennen, was das „Sein“, also die Persönlichkeit, ausmacht?

Der amerikanische Psychologe Prof. Steven Reiss hat in mehreren Studien insgesamt mehr als 7.000 Probanden befragt und herausgefunden, dass es 16 grundlegende Lebensmotive gibt, die die Menschen antreiben, darunter Macht, Ehre, Ruhe, Bewegung, Familie, Status, Beziehungen etc. Auf dieser Grundlage hat er mit dem „Reiss Motivation Profile“ ein Analyse-Verfahren entwickelt. Der dahinter liegende Algorithmus sorgt dafür, dass eine Persönlichkeit abbildbar und damit vergleichbar wird. Dabei gibt es kein „gut“ oder „schlecht“, sondern einfach nur unterschiedliche Ausprägungen von Motiven.

Die Fragen beantworten die Kunden selbst. Besteht nicht die Gefahr, dass nur alte Glaubenssätze bestätigt werden, die einem von klein auf eingebläut worden sind?

Möglich. Aber woher kommen denn Glaubenssätze? Steven Reiss geht davon aus, dass zumindest bei 14 der 16 ermittelten Motive eine genetische Determination vorliegt. Und natürlich werden sie von der Kultur, unseren Glaubenssätzen und unseren individuellen Erfahrungen beeinflusst. Anders ausgedrückt: Was wir uns wünschen, geben ein Stück weit die Gene vor. Aber die Art und Weise, wie wir unsere Wünsche erfüllen, wird hauptsächlich durch unsere Kultur und unsere Erfahrungen bestimmt. Ausnahmen gibt es, wenn jemand zum Beispiel einen Schicksalsschlag oder ein Trauma erlebt hat. Dann werden manchmal auch die Motive in ihrem Kern erschüttert und verändern sich.

Und was fange ich mit den Ergebnissen der Motivanalyse an?

Die Kunst liegt darin, der intrinsischen Motivation zu folgen und sie in der Lebensplanung zu berücksichtigen. Wenn ich ein Mensch bin, der eher danach strebt, Risiken zu vermeiden und Abenteuern aus dem Weg zu gehen, dann sollte ich ein Leben führen, das mir das ermöglicht – und keines, in dem ich permanent mit Veränderungen und Adrenalin konfrontiert werde. Gegen seine Motive zu leben, kostet sehr viel Energie.

Kann ich mir denn keine Kompetenz aufbauen und den Umgang mit Risiken lernen?

Mit Kompetenz hat das gar nichts zu tun. Kompetenz ist eine Fähigkeit oder Fertigkeit, die ich mir aneigne. Aber sie hat keinen Einfluss auf die Lebensmotive. Ein introvertierter Typ, der nach Harmonie strebt, kann zwar in einem Job erfolgreich sein, in dem das gegenteilige Verhalten gefordert ist. Aber es wird ihn mehr Energie kosten und ihm langfristig wahrscheinlich keine Zufriedenheit bringen. Und Zufriedenheit ist eine Grundhaltung, die wir uns für ein erfülltes Leben wünschen.

In Seminaren entsteht oft der Eindruck, Persönlichkeit sei formbar wie ein Teig. Was kann ein Coach bewirken? Und wo sind die Grenzen?

Alles und nichts! Wo eine Grenze ist, kann ich gar nicht sagen. Ich kann nur sagen, was die Grundvoraussetzung ist: Bereitwilligkeit. Ich glaube, dass ein Mensch sowieso nur etwas verändert, wenn ihm etwas physisch oder psychisch sehr weh tut. In diesem Moment ist Bereitwilligkeit für Veränderung da. Und dann ist es hilfreich, einen Sparringspartner zu haben, der zu anderen Sicht- bzw. Verhaltensweisen ermutigt. Es verändert sich nichts über Nacht, so ein Prozess braucht Zeit. Ich kenne Menschen, die haben ihr Leben nach einem Coaching komplett umgestellt. Es gibt aber auch Leute, die lassen sich coachen – und es passiert nichts. Es liegt an jedem selbst, die Grenzen festzulegen.

Was treibt Sie denn selbst an?

Ich bin extrem neugierig und auch ehrgeizig. Und ich liebe den „schnöden Mammon“ …

..als Mittel zur Unabhängigkeit oder als Maß für Erfolg?

Beides. Geld bedeutet Anerkennung. Und es beruhigt einfach auch die Seele. Ich muss nicht reich sein, aber es gibt mir Sicherheit und die Zufriedenheit, dass ich nicht jeden Cent umdrehen und mich nicht einschränken muss.

Wer kümmert sich um Ihr Geld?

Ich selbst! In den 90ern habe ich als Führungskraft in der Hotellerie gearbeitet und mit der Altersvorsorge begonnen. Seitdem lege ich monatlich Geld beiseite. Zudem habe ich einen beratenden Makler, der auch meine Versicherungen managt und mich da immer auf den neuesten Stand bringt.

Welchen Rat können Sie Frauen geben?

Nehmt Äußerlichkeiten nicht so wichtig! Vielleicht hat das etwas mit dem Alter zu tun, aber ich rate zu mehr Gelassenheit. Das heißt nicht, uneitel zu sein, aber frau muss sich nicht permanent kasteien, um irgendwelchen Idealen zu entsprechen. Also „Stop“ mit dem „Das-macht-man-nicht“ oder dem „Das gehört sich nicht“!

 

Frauke Ion hat ihre Karriere in der Hotellerie begonnen und arbeitete sich vom Tellerwäscher zur Hoteldirektorin hoch. 2005 hat sie sich mit Gründung der Beratungs- und Trainingsfirma ion international als Trainerin und Business Coach selbständig gemacht. 2006 gründete sie zudem mit dem Diplom-Psychologen Markus Brand das Institut für Persönlichkeit in Köln. Frauke Ion ist Expertin für Perspektivenwechsel und hat zahlreiche Bücher geschrieben. Zuletzt erschienen sind „Konflikte klären ist Chefsache“ und „Typisch ich, typisch du – typgerecht kommunizieren“.

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