Unsere Kolumne handelt von Geldgeschichten, die wir erleben. Meine Freundin tut alles für ihre Kinder. Ich auch. Aber was tun wir für uns?

Meine Freundin Claudia erzählt mir, dass ihre Tochter Marie nach den Sommerferien für ein Jahr ins Ausland will. „Ach, nach England?“, frage ich interessiert. Und denke an meinen eigenen Schüleraustausch mit Marianne aus Bordeaux, der mir damals, in der Mittelstufe, viel Spaß und so manche Erfahrung gebracht hat. Nein, sagt Claudia, Marie will unbedingt nach Neuseeland! Wow, denke ich so bei mir: „Ist das nicht teuer?“ „Klar“, sagt Claudia und lacht. „Das kostet uns ein halben Vermögen.“ Meine romantischen Vorstellungen bezüglich des Schüleraustausches lösen sich schnell in Luft auf, als ich von den Summen höre, die ein Schuljahr im Ausland kostet. Unter 10.000 Euro ist kaum was zu machen, sagt Claudia mir. Und klar, Neuseeland werde wohl etwas teurer werden. Aber egal, das schaffen wir schon.

Wir schaffen das

Claudia hat sich vor drei Jahren von Maries Papa getrennt, sie bekommt Unterhalt für die gemeinsame Tochter, für sich selbst bekommt sie nichts. Wollte sie auch nie, das hat sie damals immer wieder betont. Warum auch – schließlich habe sie ja ihren Mann verlassen und nicht umgekehrt. Seit der Scheidung arbeitet sie wieder ganztags als Objektleiterin in einem Verlag und kommt ohne Unterstützung über die Runden. Große Sprünge machen könne sie zwar nicht, aber Marie soll nicht auf irgendetwas verzichten müssen, nur weil sie sich scheiden ließ.

„Ich wollte früher selbst unbedingt für ein Jahr ins Ausland“, erzählt sie mir. Das war immer mein Traum.“ Der aber nicht in Erfüllung ging – ihre Eltern konnten sich das schlicht und einfach gar nicht leisten. „Und Du hast nun so viel Geld über?“, frage ich erstaunt. Claudia seufzt, „wir teilen uns das ja. Aber wirklich leisten kann ich mir das eigentlich nicht.“ Doch schnell kommt das nächste „aber“ – sie holt tief Luft und erklärt ohne Punkt und Komma, wie wichtig es für Marie sei, sich in fremder Umgebung ohne Eltern zurecht zu finden; die Erfahrungen im Ausland zu machen, die Sprache zu lernen – das helfe später auch beim Abitur und im Job. Und, und, und.

Alles für die Kinder?

Klar denke ich, ich hätte auch den letzten Groschen zusammengekratzt, um meinem Sohn einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Der hatte aber gar kein Interesse. Was ich damals bedauert habe. Gott sei Dank, denke ich heute. Und merke, wie ambivalent ich auf dieses „alles für das  Kind“ reagiere. Teuren Gitarrenunterricht, Tennis mit Trainerstunden, Nachhilfe und Sprachreisen – wofür? Wie toll und wie günstig wäre es, wenn unsere Kinder auch in gewohnter Umgebung eigene Erfahrungen machen könnten? Ohne Rundum-Betreuung und Hobbies, die wir Eltern für sinnvoll halten? Wenn sie selbst Verantwortung übernehmen und auch mal scheitern dürften? Und im Zweifel die Konsequenzen spüren müssten, wenn die Klasse wiederholt werden muss? Könnte Marie nicht auch später noch ins Ausland gehen, mit Job oder einem Stipendium? Ohne dass Claudia sich heute verschulden muss?

Claudia muss lachen – da solle ich mir doch besser mal an meine eigene Nase fassen. „Du stehst doch auch immer parat, um Deinem Sohn das Leben so leicht wie möglich zu machen“, sagt sie suffisant – und erinnert mich daran, dass ich ihm gerade mein Auto für satte vier Monate geliehen habe, obwohl ich es eigentlich täglich brauche. Was soll ich sagen: Sie hat Recht! Aber macht das auch Sinn? Ich erinnere mich an ein Interview mit Gehaltscoach Claudia Kimich, das ich vor kurzem geführt habe. Sie sagte: „Würden Frauen nur zehn Prozent ihres Engagements, das sie in ihre Kinder stecken, für sich selbst nutzen, stünden sie erheblich besser da.“ Da ist wohl etwas Wahres dran. „Legst Du eigentlich Geld für Deine Rente zurück?“, frage ich Claudia, die mich anguckt, als redete ich von grünen Elefanten. „Wovon sollte ich?“, fragt sie irritiert – und bringt nun mich zum Lachen.

 

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