Unwissenheit oder Naivität?

herMoney: Wie erklären Sie es sich, dass Frauen die Augen vor den Risiken verschließen?

Helma Sick: Oft ist es Unkenntnis. Neulich schrieb mir eine Frau: Ich verstehe gar nicht, was das alles soll – wenn der Mann viel Geld hat und ich mich scheiden lasse, wird doch alles was da ist geteilt. Du lieber Himmel – nein: Er behält seins – und nur das, was dem Vermögen während der Ehe zugewachsen ist, wird geteilt. Wenn während der Ehe nichts dazu gekommen ist, dann gibt es auch nichts! Gleiches gilt übrigens für das Unterhaltsrecht. Viele Frauen wissen nicht einmal, dass sich da einiges verändert hat, dass es nachehelichen Unterhalt nur dann gibt, wenn die Kinder noch nicht drei Jahre alt sind. Jede Familienrechtlerin bestätigt das Nicht-Wissen vieler Frauen in diesem Bereich.

herMoney: Sind Frauen zu unbedarft? Zu naiv?

Helma Sick: Unbedarft möchte ich nicht sagen. Es ist fehlende Lebensplanung, Unwissenheit und Bequemlichkeit. Es ist bequemer sich einzureden: Meine Ehe hält schon. Ich wünsche mir, dass sich Frauen besser informieren. Dass so viele Frauen die Kinder haben, einfach für Jahre aus ihrem Beruf aussteigen und sich keine Gedanken machen, welche beruflichen und wirtschaftlichen Folgen das für sie hat, vor allem wenn die Ehe nicht hält, das geht einfach nicht. Dass sie gar nicht auf die Idee kommen, mit dem Partner über einen finanziellen Ausgleich zu sprechen, verstehe ich nicht.

herMoney: Es ist nicht immer leicht, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bekommen…

Helma Sick: Das kann man gemeinsam mit dem Partner organisieren. Am besten wäre es, wenn sich Frau und Mann die Elternzeit teilen, dann müsste keiner zu lange aus dem Beruf aussteigen. Nach der Elternzeit könnten dann beide über Teilzeit langsam wieder in die Vollzeittätigkeit einsteigen. Das Elterngeld macht das möglich. Bisher ist es so, dass Mama noch Teilzeit arbeitet, wenn die Kinder schon 16 sind!

herMoney: Ist es für die Kinder nicht besser, wenn die Mutter zuhause ist?

Helma Sick: In Deutschland ist der Ruf einer Ganztagsbetreuung noch immer negativ. Das ist in anderen Ländern ganz anders, dort ist es für Frauen selbstverständlich, dass sie nach der Geburt eines Kindes nur kurz pausieren. Auch Teilzeit mit wenig Wochenstunden ist beispielsweise in Skandinavien und Frankreich nicht üblich. Und es kann mir niemand weis machen, dass die Kinder in diesen Ländern gestörter sind als unsere. Im Gegenteil: Wenn jungen, hoch qualifizierten Müttern eine berufliche  Aufgabe fehlt, machen sie häufig ihre Kinder zum Projekt. Die Kinder dieser Helikopter-Mütter müssen viel leisten, um die Erwartungen der Mütter zu erfüllen, aber sie dürfen auch mit elf, zwölf nicht allein in die Schule gehen. Hätten diese Frauen einen Beruf, wäre das Kind, was es ist: geliebt, unterstützt und versorgt, aber nicht der einzige Lebensinhalt. Ich glaube also nicht, dass es für Kinder gut ist, wenn Mutti bis zum Abitur Kinder hütet. Und für Mütter, wie schon gesagt, natürlich auch nicht.

Arbeit ist mehr als Geld verdienen

herMoney: Welche Bedeutung hat Arbeit für Sie?

Helma Sick: Arbeit bedeutet eigenes Geld zu verdienen und für sich zu sorgen. Aber da hängt ja noch viel mehr dran. Arbeit ist ja nicht nur Frondienst, das ist Kontakt, das ist Interesse, Herausforderung und Anerkennung. Ich habe oft erlebt, dass Frauen immer stiller wurden, wenn sie aus dem Job ausgestiegen sind. Sie nehmen am politischen und ökonomischen Leben dann kaum noch teil, sondern überlassen die Gestaltung bereitwillig den Männern.

herMoney: Sie sind Jahrgang 1941, gehören also zu einer Generation, in der Frauen in der Mutterrolle aufgeblüht sind. Was lief bei Ihnen `schief`, dass Sie sich gegen Heim und Herd entschieden haben?

Helma Sick: Ich habe viele unglückliche Ehen gesehen, einschließlich der Ehe meiner Eltern – und die Ohnmacht der Frauen, weil sie wirtschaftlich abhängig waren. Es ist doch so: Wer Geld hat, kann es zu Macht und Einfluss bringen, hat materielle Sicherheit und Unabhängigkeit.  Ich finde, dass gerade Unabhängigkeit ein hohes Gut ist, weil sich dann keine Frau mehr verbiegen muss.

herMoney: Haben Sie nach der Adoption Ihres Sohnes beruflich pausiert?

Helma Sick: Ich bin sogar mehrere Jahr zuhause geblieben. Das war in Anbetracht der nicht ganz einfachen Situation – ich meine, ein vierjähriges Kind zu adoptieren – auch notwendig. Aber mir war immer klar, dass ich wieder arbeiten wollte – und zwar als selbständige Finanzberaterin. Während mein Sohn im Kindergarten war, habe ich studiert und bei einigen Finanzberatern hospitiert. Das hat mich in meinem Beschluss bestärkt, mich selbständig zu machen.

herMoney: Warum das?

 Helma Sick: Ich habe erlebt, dass es oft nur um einen schnellen Abschluss ging. Niemand fragte danach, was ein Kunde in seiner individuellen Lebenssituation wirklich brauchte. Das gefiel mir nicht. Mein Interesse war es, Frauen wirklich zu beraten!

 

Helma Sick, Gastautorin, herMoney

Helma Sick hat bereits 1987 das Unternehmen frau & geld gegründet. Seitdem hat die Finanzexpertin tausende von Frauen mit Ihren Kolleginnen seitdem zur Vermögensplanung, existenziellen Absicherung und Altersvorsorge beraten. Als Brigitte-Kolumnistin und auch als Buchautorin („Ein Mann ist keine Altersvorsorge – warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen so wichtig ist.“) bringt Helma Sick vielen Frauen die Bedeutung finanzieller Lebensplanung nahe und vermittelt das nötige Basiswissen dazu.

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