Viele Frauen sind in Gelddingen nicht nur unwissend, sondern auch bequem, sagt Helma Sick. Starker Tobak - mit Wirkung? Ein Interview.

herMoney: Was bedeutet Ihnen Geld?

Helma Sick: Geld ist DAS Mittel zur Unabhängigkeit. Echte Freiheit kann es nur mit wirtschaftlicher Freiheit geben. Das habe ich sehr früh gelernt. Meine Eltern hatten ein Haus gebaut und sich damit finanziell übernommen. So habe ich schon als Kind mitbekommen, was es heißt, kein Geld zu haben. Und ich habe erlebt, dass viele Ehen in unserem Umfeld unglücklich waren, aber die Frauen sich nicht trennen konnten, weil sie keinen Beruf und kein Geld hatten, also abhängig waren.

herMoney: Sie haben zunächst kein Abitur machen dürfen, sondern eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Was hat Ihren beruflichen Werdegang geprägt?

Helma Sick: Damals sagte man uns Mädchen: Du brauchst kein Abitur und kein Studium – du heiratest! Bis dahin gehst Du ins Büro arbeiten! Und das habe ich gemacht. Aber ich war ehrgeizig und bin relativ schnell zur Vorstandssekretärin aufgestiegen. Später dann bin ich als kaufmännische Geschäftsführerin in ein Haus für misshandelte Frauen gewechselt – übrigens für weniger Geld. Dort habe ich nicht nur unfassbares menschliches Leid gesehen, sondern auch massive materielle Not. Es hat mich sehr schockiert, dass viele Frauen finanziell so abhängig waren, dass sie lieber bei ihrem misshandelnden Ehemann blieben, als sich zu trennen.

herMoney: Was hat das mit Ihnen persönlich gemacht?

Helma Sick: Das hat mich entsetzt und dazu motiviert, tiefer einzusteigen. Es stehen einem die Haare zu Berge, wenn man sieht, wie Frauen über Jahrhunderte systematisch vom Geld fern gehalten wurden. Im Mittelalter z.B. wurden reiche Witwen als Hexen denunziert und verbrannt. Gemeinden und Kirche haben dann deren Vermögen  eingeheimst. Auch danach war Geld per Gesetz Männersache. Hatten Frauen eigenes Vermögen, wurde es unter die Verwaltung des Mannes gestellt. Das sind Dinge, die mich sehr beschäftigt haben.

herMoney: Sie sind bekennende Feministin. Vor allem bei jungen Frauen ist das oft negativ besetzt. Hat sich der Kampf für Frauenrechte nicht überholt?

Helma Sick: Ich bin Feministin in dem Sinne, dass ich zum Beispiel dafür eintrete, dass Frauen und Männer gesellschaftlich und privat die gleichen Chancen haben. Und das ist nach wie vor brandaktuell.

Rückfall in tradierte Rollen

herMoney: Heute haben Frauen sehr gute Bildungschancen, ein Großteil arbeitet und  verdient eigenes Geld. Sind die Chancen nicht längst gleich verteilt?

Helma Sick: Frauen sind hochqualifiziert und arbeiten – doch mit dem ersten Kind  fallen viele wieder in die tradierte Rolle zurück – auch wenn beide Partner als junge Leute der Meinung waren: Wir machen alles ganz anders. Arbeiten wollen heißt nach dem ersten Kind vielfach: Ich will Teilzeit arbeiten – also quasi kleines Geld dazu verdienen. Das große Geld überlassen sie weiterhin ihren Männern.

herMoney: Sie hätten ja aber die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden….

Helma Sick: Eine unabhängige Expertenkommission hat vor einiger Zeit festgestellt, dass die traditionelle Ehe für Frauen Existenz gefährdend ist. Diese Studie im Auftrag des Bundesfamilienministerium hat mich sehr gefreut – zum ersten Mal hat diese Tatsache ein Ministerium in so drastischer Form formuliert. Die Rahmenbedingungen wie Ehegattensplitting oder beitragsfreie Krankenversicherung schaffen Anreize dafür, dass Frauen sich häufig nach der Geburt des ersten Kindes gegen eine volle Erwerbstätigkeit entscheiden.

herMoney: Aber Frauen wünschen es sich doch oft, sich um die Kinder zu kümmern. Was ist daran verkehrt? Müssen Frauen Vollzeit arbeiten?

Helma Sick: Nein. Mir geht es darum, dass sich jemand bewusst macht: Wenn ich nicht arbeite, habe ich keine Rente. Wo soll Geld herkommen, wenn ich es nicht selbst durch eigene Arbeit erwirtschafte. Wenn sie und ihr Mann möchten, dass sie auf längere Zeit zuhause bleibt – und sie sich das finanziell leisten können – dann muss ihr Mann etwas für sie tun um ihre Altersvorsorge sicher zu stellen.

Es geht doch nicht, dass die langfristigen Folgen einer gemeinsamen Lebensentscheidung, z.B. für ein Kind, allein die Frauen zu tragen haben.

herMoney: Viele Frauen wähnen sich in finanzieller Sicherheit, wenn der Mann gut verdient. Schließlich werden die Renten doch geteilt….

Helma Sick: Das ist ein fundamentaler Irrtum, der anscheinend nicht auszurotten ist. Jede dritte Ehe scheitert, in Großstädten sogar jede zweite. Die durchschnittliche Dauer einer Ehe liegt derzeit bei 15 Jahren. Bei einer Scheidung werden die Renten nicht einfach geteilt. Wie viel Rente eine Ehefrau über den Versorgungsausgleich erhält, hängt von der Dauer der Ehe und der Rente des Ehemannes ab. Wie viele Ehemänner haben denn schon eine so gute Rente, dass sie für die Finanzierung von zwei Haushalten reicht. Das machen sich viele Frauen nicht bewusst.

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