Wie Sie dem Unbewussten ein Schnippchen schlagen und mit Sinn investieren verrät Finanzberaterin Dr. Mechthild Upgang im Interview.


herMoney: Sie beraten vor allem Frauen in Sachen Finanzen. Was bieten Sie Frauen, was Männer nicht brauchen?

Dr. Mechthild Upgang: Frauen brauchen einfühlsame Erklärungen – vor allem wollen sie wissen, was der Nutzen ihres Handelns ist. Sie freuen sich, wenn sie Geld haben und etwas Schönes kaufen können. Aber Geld an sich hat für Frauen in erster Linie praktische Bedeutung.

herMoney: …ist das denn bei Männern anders?

Dr. Mechthild Upgang: Ja, ich erlebe häufig leuchtende Augen bei den Männern, wenn sie an das Geldvermehren denken. Frauen haben in der Regel kein erotisches Verhältnis zu Geld, sie verbinden mit Geldanlegen wenig Spaß. Wenn sie sich darum kümmern, dann nur deshalb, weil sie wissen, dass sie es müssen. Oft haben sie im Freundeskreis ein Scheidungsopfer, das plötzlich ohne finanzielle Mittel dasteht. Oder sie sind selbst frisch geschieden und stehen vor dem Nichts.

herMoney: Wie sieht eine „einfühlsame Erklärung“ bei Ihnen aus?

Dr. Mechthild Upgang: Zunächst versuche ich den Kundinnen den Zusammenhang zwischen Risiko und Renditeerwartung ganz praktisch aufzuzeigen. Tagesgeld birgt keine Risiken, aber es bringt eben auch keine Rendite…

 herMoney: …sind da denn auch die Verluste aufgeführt, die ohne Verzinsung nach Inflation entstehen?

Dr. Mechthild Upgang: Lacht. Gute Frage. Vor vielen Jahren hätte ich drastischere Beispiele für Verlustphasen gewählt. Aber eines habe ich im Laufe der Jahre gelernt: Wenn man zu drastisch wird und nur von Verlusten spricht, wenden sich die Frauen komplett ab und kommen dann vor lauter Angst nicht wieder. Besser ist es doch, nachzufragen, welche Verluste sie aushalten könnten und sie dort abzuholen, wo sie stehen.

herMoney: Das kann ich mir bei Ihrem Temperament kaum vorstellen..

Dr. Mechthild Upgang: …früher bin ich tatsächlich mit roter Fahne durch die Straßen gerannt, da hätte ich jede mit harten Zahlen konfrontiert. Doch damit erreichen wir nur einen Teil der Menschen. In der Hirnforschung hat man herausgefunden, dass das Unterbewusste 70000 mal schneller arbeitet als das Bewusste. Wenn ich also nach dem Risikomaß frage, antwortet immer die Ratio. Und wenn es dann konkret wird und das Depot plötzlich 15 Prozent im Minus ist, meldet sich das Unterbewusstsein – dann kommt Panik auf und schlimmsten Falls wird mit Verlust verkauft. Das bringt doch niemanden weiter!

herMoney: Welche Argumente führen Sie denn ins Feld, um Frauen von aussichtsreichen Investments zu überzeugen?

Dr. Mechthild Upgang: Wir müssen über den Sinn der Vorsorge sprechen. Vorsorge heißt ja erst einmal Verzicht. Das ist wie bei einer Diät – wer abnehmen will, denkt ja auch nicht: Toll, zwei Kilo weniger. Vielmehr ist es der Sinn des Weniger, der motiviert – dann kann ich das schöne Kleid tragen und alle finden mich attraktiv. Genauso ist es bei der Geldanlage. Sparen ist Konsumverzicht – aber wofür?

herMoney: Sagen Sie es uns!

Dr. Mechthild Upgang: Bei Müttern ist es häufig naheliegend. Sie tun alles für ihre Kinder, opfern Freizeit und viel Geld. Ist es gut für die Kinder, wenn diese ihnen später Geld überweisen müssen, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht? Das ist eine Situation, mit der Mütter etwas anfangen können.

herMoney: Ist das nicht mindestens genauso brutal wie die nackten Zahlen?

Dr. Mechthild Upgang: Vielleicht, aber es ist lange nicht so abstrakt, sondern sehr konkret. Der Verzicht zugunsten der Vorsorge bekommt dann einen Sinn – ich will das Beste für meine Kinder erreichen. Den Kindern später auf der Tasche zu liegen wäre das Gegenteil. Das hieße zudem, dass das Geld für die Enkel fehlt. Und welche Mutter wünscht nicht auch das Beste für die Enkel? Dagegen soll mal jemand etwas sagen!

herMoney: Und was erzählen Sie jungen Frauen, die noch keine Kinder haben?

Dr. Mechthild Upgang: Vermögen ist Geld mal Zeit, wobei Zeit die wichtigere Größe ist. Klein anfangen und groß rauskommen ist deutlich besser, als andersherum. Das heißt, wir schauen, wie der finanzielle Spielraum ist, ob Risiken abgesichert sind und genug Liquidität zur Verfügung steht. Dann kann man peu à peu mit dem Vermögensaufbau beginnen.

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herMoney: Frauen bleiben nach der Geburt der Kinder oft zuhause oder arbeiten Teilzeit – mit Auswirkungen auf Einkommen und Rente. Ein Risiko?

Dr. Mechthild Upgang: Natürlich, niemand kann darauf vertrauen, dass eine Ehe ewig hält. Deshalb sollten Paare die Finanzen von Beginn an gemeinsam vertraglich regeln, damit der Nachwuchs für Frauen nicht zum finanziellen Risiko wird.

herMoney: Selbst hoch qualifizierte Frauen steigen für die Kinder aus dem Job aus und verdrehen die Augen, wenn man von finanziellen Verträgen mit dem Partner spricht…

Dr. Mechthild Upgang: Frauen haben gelernt, dass Ratio und Liebe zwei Paar Schuhe sind. Wir dürfen nicht vergessen: Frauen, die traditionell Geld gegen „Liebe“ getauscht haben, waren „Liebes“-Dienerinnen. Das will natürlich keine junge Mutter sein. Deshalb gibt es bei vielen Frauen einen tief verankerten Widerstand dagegen, per Vertrag „ihren Preis“ mit dem Mann festzusetzen.

herMoney: Und wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Dr. Mechthild Upgang: Es nutzt wenig, dann über das Frauenbild diskutieren zu wollen. Schauen Sie sich im Fernsehen Filme von Rosamunde Pilcher und Co. an. Es sind nicht die taffen Karrierefrauen, die geheiratet werden – es sei denn, sie zeigen sich geläutert.

Im Beratungsgespräch ist zunächst Zurückhaltung angesagt. Deshalb frage ich einfach, was frau denn zu befürchten hat, wenn sie das Thema anspricht. Läuft der Mann dann weg? Fühlt sie sich einfach nur beschämt und schlecht? Wenn ich merke, dass ich hier nicht weiter komme, muss ich das akzeptieren und nach anderen Wegen suchen.

herMoney: Welche wären das?

Dr. Mechthild Upgang: Dann spreche ich mit den Frauen darüber, was sie alles leisten, z.B. indem sie Familie und Beruf unter einen Hut bekommen. Gemeinsam überlegen wir dann, welche staatlichen Förderungen gerade für sie in Frage kommen – zum Beispiel über Riester-Verträge . Ganz nach dem Motto: Lieber den Spatz in der Hand als nichts. Nicht selten kommen die Frauen auch Jahre später wieder, wenn sie frisch geschieden sind. Oft kommt es vor, dass sie dann sagen: `Hätte ich damals doch nur auf Sie gehört!´

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Teil 2 des Interviews zum Thema „Nachhaltiges Investieren“ lesen Sie in Kürze hier auf herMoney.

Dr. Mechthild Upgang ist Zert_FP ©Zertifizierte Finanzberaterin, Fachberaterin für nachhaltiges Investment und Vorstand der Dr. Upgang AG. Die Autorin der Bücher „Finanzratgeber für Frauen“ (Fischer TB) und „Gewinn mit  Sinn“ (oekom Verlag) berät seit fast 30 Jahren vorwiegend Frauen auf ihrem Weg zur finanziellen Selbständigkeit. Upgang ist zudem Gründungsfrau und Ehrenpräsidentin des Bundesverband der Finanzexpertinnen (BuF) e.V., der deutschlandweit mit einem Beraterinnennetz vertreten ist.

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