Verkaufen sich Männer und Frauen in Vorstellungsgesprächen anders?

Ich denke schon, dass es Unterschiede gibt. Bei internen Stellenausschreibungen sehen wir, dass Frauen viel selbstkritischer sind. Männer schauen aufs Anforderungsprofil und sagen dann schnell ´das kann ich` – auch wenn sie acht von zehn Anforderungen im Grunde nicht erfüllen.

…und Frauen?

….bewerben sich im Zweifel gar nicht, weil sie denken, nicht die notwendige Qualifikation zu haben, auch wenn sie sechs von zehn der gefragten Anforderungen ganz locker erfüllen. Das zeigt sich dann auch im Vorstellungsgespräch. Frauen möchten auch über jene Dinge reden, die  sie noch nicht so gut können. Sie haben häufiger den Anspruch, wirklich alle Kriterien erfüllen zu wollen.

Und wer hat dann die besseren Chancen?

Der oder die Richtige! Das hängt von der zu besetzenden Stelle und dem Team ab. Das Geschlecht ist kein Entscheidungskriterium, das darf es auch gar nicht sein. In rein männlichen Teams kann es meiner Erfahrung nach sein, dass Machtspiele manchmal über der Sache stehen – und das ist kontraproduktiv. Frauen hinterfragen mehr, sie sind oft reflektierter.

Was raten Sie selbstkritischen Frauen? Sollten sie sich anders verkaufen?

Ich tue mich etwas schwer, nach Geschlechtern zu differenzieren – ich mag es, wenn ein Typ vor mir sitzt, egal ob Mann oder Frau. Frauen sollten nicht auf die Idee kommen, das männliche Rollenmuster zu kopieren. Frauen sollten ihr Geschlecht also nicht verbiegen, sondern sich ihre eigenen Stärken bewusst machen.

Frauen werden in Deutschland im Schnitt schlechter für ihre Arbeit bezahlt als Männer, für die gleiche Arbeit erhalten sie im Schnitt sechs Prozent weniger Geld (bereinigter Gender Pay-Gap). Verkaufen sich Frauen schlechter?

Ich kann das für uns nicht bestätigen, als Unternehmen der Versicherungswirtschaft sind wir bei der Bezahlung an die tariflichen Regelungen gebunden, für die ausdrücklich eine Angemessenheitsvermutung gilt. Auch im außertariflichen Bereich gibt es eine angemessene betriebliche Regelung. Männer mögen mehr fordern, aber wenn es nicht zum Gehaltsgefüge passt, müssen wir passen. Den Anreiz von Geld sehe ich übrigens aufgrund seiner fehlenden Nachhaltigkeit grundsätzlich kritisch. Vergütung ist ein wichtiger Faktor, aber als Attraktivitätsfaktor rückt beispielsweise das Thema „Freiräume“, oder „sich Zeit nehmen können“ zunehmend in den Fokus – bei Männern und Frauen.

Was heißt das konkret?

Work-Life-Balance steht hoch im Kurs –  junge Leute wollen Beruf und Privates verbinden können und sich nicht für Karriere oder Kinder entscheiden müssen. Das unterstützen wir. Wir haben einen Betriebskindergarten und seit 2004 auch eine Kleinkinderbetreuung, unsere ProviPänz. Der Nachwuchs wird dort in sehr guter Atmosphäre betreut und die Eltern müssen sich keine Sorgen machen: Wenn mal was passiert, sind sie vor Ort. Das ist für viele Frauen ein wichtiges Kriterium, um sich nach der Babypause mit gutem Gefühl wieder für den Job zu entscheiden.

Welchen Rat mögen Sie jungen Frauen geben?

Bleibt authentisch und werdet euch eurer Stärken bewusst! Ich bin eine Freundin der Transaktionsanalyse. Das heißt: Männer und Frauen sollten sich nicht ständig voneinander abgrenzen, sondern voneinander lernen. Dazu gehört gute Kommunikation und ein Interesse daran zu verstehen, wie der andere tickt.

Und was sollten Frauen besonders von Männern lernen?

…es lohnt nicht immer, die Fleißigste zu sein! Männer können sich hervorragend präsentieren und in Netzwerken interagieren, was ich beides ganz wichtig finde. Frauen geraten da schnell ins Hintertreffen. Aber ich habe den Eindruck, dass sich da was bewegt und die Frauen aufholen. Auch rate ich Frauen, stärker zwischen Sachebene und Emotionen zu unterscheiden. Sachliche Kritik ist eine Chance, die Frauen nicht nutzen können, wenn sie mit Enttäuschung reagieren und sich zurückziehen.

 

Annette Loechelt leitet die Abteilung Personalservice bei der Provinzial Rheinland. Als Rechtsanwältin hat sie 2005 die Personalarbeit für sich entdeckt und in wechselnder Führungsverantwortung sämtliche personalrelevante Bereiche erlebt. Ihre Leidenschaft gilt der Auswahl und Entwicklung von Menschen sowie der Gestaltung unternehmensrelevanter Themen.

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