Als Aktionärin können Sie mitbestimmen, als Sparerin nicht. Finanzberaterin Dr. Mechthild Upgang sagt, wie Sie guten Gewissens investieren!

Dies ist die Fortsetzung unseres Interviews mit Dr. Mechthild Upgang. Den ersten Teil können Sie hier lesen.

herMoney: „Börse“ klingt in den Ohren vieler Frauen negativ – Aktien werden als riskant und unmoralisch empfunden. Können Sie das verstehen?

Dr. Mechthild Upgang: Ich kann das nachvollziehen, weil man immer wieder von Steuervermeidung, Tricksereien, überzogenen Bonuszahlungen etc liest. Aber dennoch möchte ich Frauen dazu motivieren, das etwas differenzierter zu sehen.

herMoney: …was sagen Sie Frauen, die vorgeben, Aktieninvestments nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können?

Dr. Mechthild Upgang: Das ist ganz einfach: Wer sein Geld auf ein Tagesgeldkonto legt, leiht der Bank Geld – und diese arbeitet damit. Die Anlegerin hat also keinen Einfluss darauf, was mit ihrem Geld passiert. Als Aktionärin hingegen können Sie entscheiden, in welches Unternehmen Sie investieren – und haben zudem ein Stimmrecht in der Hauptversammlung.

herMoney: Kann man als Aktionärin denn tatsächlich Einfluss nehmen?

Dr. Mechthild Upgang: Die Erfahrung zeigt, dass aktive Anleger/Innengruppen wirklich etwas bewegen können. Ich versuche, den Anlegerinnen den Unterschied zwischen einer Anleihe und einer Aktie bewusst zu machen: Mit einer Anleihe leihen Sie einem Staat, einer Organisation oder einem Unternehmen Geld und erhalten es (hoffentlich) nach der vereinbarten Laufzeit zurück. Sie bleiben also passiv. Mit einer Aktie hingegen beteiligen Sie sich an dem von Ihnen gewählten Unternehmen, können aktiv Einfluss nehmen und sind an den Gewinnen aber auch an den Verlusten beteiligt. Für dieses höhere Risiko wurden die Anlegerinnen in der Vergangenheit auch deutlich höher entschädigt als bei einer Anlage in Anleihen.

 

herMoney: Können Sie Ihre Kundinnen damit überzeugen?

Dr. Mechthild Upgang: In der Regel schon. Vor allem das Argument, dass ihr Geld bei uns ausschließlich in nachhaltige Geldanlagen investiert wird, empfinden die Frauen als sehr entlastend. Das nimmt ihnen die Angst, dass ihr Geld in dubiose, unethische, unsoziale Geschäftspraktiken verwickelt ist.

Öko ist nicht gleich Öko

herMoney: Mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ wird auch viel Schindluder getrieben. Eine Freundin wollte mal in „German Pellets“ investieren – das sei ja schließlich „auch gut für die Umwelt“. Das Unternehmen ist inzwischen insolvent…

Dr. Mechthild Upgang: Was als „Öko-Investment“ daher kommt, lässt sich gut vermarkten. Vor allem diejenigen Anleger/innen, die sich nicht näher mit der Materie beschäftigen, fallen auf unseriöse Angebote rein. Sie prüfen dann nicht mehr, um welche Art von Anlage es sich handelt. Bei „German Pellets“ handelte es sich um eine sog. Nachranganleihe. Und wie der Name schon sagt, wird Geld verliehen und das im Nachrang – die eigenen Ansprüche werden also erst nach denen anderer Kreditgeber (z.B. den Banken) befriedigt. Anleger/innen ließen sich jedoch von den sehr hohen Zinsen und dem ökologischen Anstrich blenden und verloren dann viel Geld. Jede Anlegerin sollte sich vorher informieren, wie ihr Geld investiert wird um nachher nicht das Nachsehen zu haben.

herMoney: Was genau ist für Sie ein „nachhaltiges Investment“?

Dr. Mechthild Upgang: Bei einem nachhaltigen Investment werden neben den klassischen Kriterien Rendite, Risiko und Verfügbarkeit weitere Kriterien in der Finanzanalyse berücksichtigt: der Einfluss von Umweltfaktoren, sozialer Verantwortung und guter Unternehmensführung.

herMoney: Sie investieren ausschließlich in Fonds, die ja nach sehr unterschiedlichen Kriterien selektieren. Welchen Ansatz verfolgen Sie?

Dr. Mechthild Upgang: Da es keine einheitlichen Standards für die Zuordnung nachhaltiger Investmentfonds gibt, muss jede Anlegerin und natürlich auch jede Vermögensverwalterin jeden Fonds einzeln auf den Prüfstand stellen.

Wir haben eine Liste von Kriterien. Dazu zählt neben einem transparenten Nachhaltigkeitsansatz natürlich auch die Qualität des Fondsmanagements. Eine Anlegerin möchte ja auch eine ansprechende Rendite erzielen können. Last but not least achten wir auch auf die laufenden Kosten des Fonds. Denn diese haben ganz sicher Einfluss auf die Renditechancen. Ein Fonds mit einer Kostenbelastung, die jährlich ein Prozent höher liegt als ein Vergleichsfonds muss jährlich immer ein Prozent mehr Rendite erzielen!

herMoney: Woran erkenne ich denn, ob ein Anbieter es ernst meint?

Dr. Mechthild Upgang: Für mich muss der Prozess erkennbar und nachvollziehbar sein. Wie schon gesagt, da es keine verbindlichen Standards gibt, werden auch unterschiedliche Auswahlkriterien angewandt. Sie reichen vom verbreiteten „Best-in Class-Ansatz“ über Ausschlusskriterien bis hin zur Stimmrechtsausübung auf den Hauptversammlungen. Insofern muss man sich wirklich jeden Fonds genau ansehen und prüfen, ob dieser auch zu den eigenen Kriterien passt. Es gibt auch einige kleiner Fondgesellschaften, die sich auf nachhaltiges Investment spezialisiert haben und beispielswiese über einen unabhängigen Anlageausschuss verfügen und hohe ethische und soziale Standards bei der Auswahl der Titel anwenden.

Vor allem Stiftungen nehmen diesen Service gerne in Anspruch, da sie ihr Geld so anlegen möchten, dass es nicht im Wiederspruch zum Stiftungszweck steht.

Im Nachhaltigkeitsbericht 2017 stellte das Forum Nachhaltiger Geldanlagen (FNG) fest, dass 90% der Anlagen im Nachhaltigkeitsbereich von institutionellen Investoren (vor allem öffentliche Pensionsfonds, Kirchliche Institutionen und Wohlfahrtsorganisationen) stammen. Private Anleger/innen bilden die Minderheit.

Rendite mit gutem Gewissen

herMoney: Lässt sich denn mit nachhaltigen Fonds auch Geld verdienen?

Dr. Mechthild Upgang. Neben dem Aspekt Nachhaltigkeit soll natürlich auch das Anlageziel Rendite Beachtung finden. Dass sich dieses nicht widersprechen muss, belegen zahlreiche Studien.

Das ist ja auch leicht nachvollziehbar: Unternehmen, die zum Beispiel energieeffizient arbeiten und Ressourcen schonen, sind für zukünftige Herausforderungen gut gewappnet. Auch das Ziel: gute Unternehmensführung hat besonderen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens, wie das Beispiel VW-Dieselskandal sehr deutlich zeigt.

herMoney: Welche Rolle spielen die Kosten bei der Geldanlage?

Dr. Mechthild Upgang: Kosten sollte man immer beachten – denn nur eines ist in Zukunft sicher: die Kosten! Oft jedoch wird dann „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, wenn ausschließlich von Kosten gesprochen wird.

herMoney: Sie meinen, die Kostendiskussion wird übertrieben?  

Dr. Mechthild Upgang: Man muss auch darüber sprechen, wer sich dauerhaft um die Anlage kümmert. Eine Anlegerin, die beispielweise ausschließlich in die sehr kostengünstigen ETF´s investieren möchte, muss sich dann auch selbst um die Fondsauswahl kümmern und ihre Investments laufend überwachen.

Kann oder möchte sie dafür keine Zeit aufbringen, wird sie andere dafür bezahlen müssen. Sei es die sog. RoboAdvisors, bei denen die Anlegerin direkt via Internet ihr Depot eröffnet und wo dann fortan die Roboter die Anlagestrategie überwachen. Oder eben die Anlageberaterin, die sich Zeit für das persönliche Gespräch nimmt, einen individuellen Anlagevorschlag erarbeitet und die Anlagen dann auch später überwacht. Über diese Kosten sollte dann gesprochen werden, so dass jede Anlegerin den „Deckel für ihren Topf“ finden kann.

Teil 1 des Interviews zum Thema „Nachhaltiges Investieren“ finden Sie hier.

Dr. Mechthild Upgang ist Zert_FP ©Zertifizierte Finanzberaterin, Fachberaterin für nachhaltiges Investment und Vorstand der Dr. Upgang AG. Die Autorin der Bücher „Finanzratgeber für Frauen“ (Fischer TB) und „Gewinn mit  Sinn“ (oekom Verlag) berät seit fast 30 Jahren vorwiegend Frauen auf ihrem Weg zur finanziellen Selbständigkeit. Upgang ist zudem Gründungsfrau und Ehrenpräsidentin des Bundesverband der Finanzexpertinnen (BuF) e.V., der deutschlandweit mit einem Beraterinnennetz vertreten ist.

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