Irren ist menschlich. Manchmal aber stellen wir uns selbst ein Bein, weil wir einfach so gerne Recht haben würden.

So aufgeregt kenne ich Anna gar nicht. Sie rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, erzählt dies und das – bis ich sie frage, was denn eigentlich los sei. Sie guckt mich mit ihren großen Augen an, ein wenig verlegen sieht sie aus. „Nächste Woche fliege ich nach Kanada“, erklärt sie mir. Fett, denke ich. Doch dann bricht es förmlich aus ihr raus: „Ich habe so wahnsinnige Angst vorm Fliegen.“ Das raube ihr seit Tagen den Schlaf – warum nur habe sie nicht einfach Italien gebucht, sinniert sie laut, mit Anfahrt in ihrem Auto.

Wovor genau sie denn Angst habe, fragte ich nach. „Na ja, dass es Turbulenzen gibt und der Flieger abstürzt,“ sagt sie und beginnt, mir gleich alle Flugkatastrophen der vergangenen Jahre aufzuzählen. Ich merke, dass sie wirklich richtig Angst hat und sie sich voll auf das Thema eingeschossen hat. Irrational, denke ich – und erzähle ihr, dass ihre Fahrt mit dem Auto zum Flughafen deutlich gefährlicher ist als ihr Flug nach Kanada. Aber das kommt nicht an bei ihr, davon will sie nichts wissen.

Emotionen sind mächtig – und wir sorgen gut dafür, dass sich unsere Befürchtungen verstärken. Denn wir filtern immer wieder genau die Informationen, die uns bestärken.

Einmal die Finger verbrannt…

Das gilt auch im Umgang mit Geld. „Börse ist zu riskant“, sagt nicht nur Anna, sondern eine Reihe meiner Freundinnen auch. Manch eine hatte sich die Finger um die Jahrtausendwende verbrannt und viel Geld mit Internetaktien verloren. Mit dem Börsengang der Telekom hatten die Deutschen die Börse für sich entdeckt und auf schnellen Reichtum gehofft. Zunächst ging die Rechnung auf, die Kurse schossen nach oben, als gäbe es kein Morgen. Bis die Blase platzte. Binnen weniger Jahre hatte der DAX, in dem die 30 größten deutschen Unternehmen gebündelt sind, dann rund 65 Prozent seines Wertes verloren. Bei denjenigen, die damals besonders gierig waren und auf einzelne Technologiewerte gesetzt hatte, fiel der Verlust noch deutlich höher aus.

Anna hat damals auch Verluste gemacht – und seitdem nie wieder Aktien angefasst. Bis heute verfolgt sie genau, welche Risiken es gibt und ordnet jede Korrektur an der Börse gleich als Bestätigung an – den Börsencrash 2008 zum Beispiel, als die Immobilienblase in den USA platzte und das Finanzsystem zu kollabieren drohte. Die Euro-Krise und die Nahezu-Pleite von Griechenland. Die China-Krise im vergangenen Jahr, die die Börsen auf Talfahrt schickte. All das verfolgt sie genau und freut sich dann, nicht investiert zu sein. Das ist alles andere als rational. Denn die Börsenkurse zuckeln trotz Risiken und Krisen unter dem Strich seit Jahren nach oben. Mit Investments in guten Fonds oder ETFs  hätte sie viel Geld verdienen können!

Bei Risiken tappen wir im Dunkeln

Ähnlich tief wie die Angst vor Verlusten sitzt die Angst vorm Fliegen. Anna hat sich auf den Worst Case eingeschossen, statt mal darüber nachzudenken, wie viele Flieger jeden Tag starten und landen und ihre Passagiere schnell und ohne Zwischenfall von A nach B transportieren. Da fällt mir eine Frage ein, die der Berliner Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer gerne stellt: „Was glaubst Du, wie viele Kilometer Du mit dem Auto fahren kannst, bis die Wahrscheinlichkeit zu verunglücken genauso groß ist, wie bei einem Flug von Berlin nach Rom?“, frage ich Anna. Sie guckt irritiert – und ich schiebe die Antwort gleich nach: „Du kommst nicht weit, es sind magere 20 Kilometer!“

 

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